nah : 01.2015 : grenzen (Culture & Sociology)

Der Borderliner weist extrem widersprüchliche
Verhaltensweisen und überaus rasch wechselnde
Stimmungsbilder auf. Hat er soeben
noch lethargisch, ja nahezu autistisch gewirkt,
kann er schon im nächsten Moment ein impulsives
oder gar exzessives Verhalten an den Tag
legen. Borderliner demonstrieren in kurzen
Abständen sowohl eine Neigung zu emotionalen
Ausbrüchen als auch den Hang zur völligen
Zurückgezogenheit und zu vollständigem Verstummen.
Dabei offenbaren sich charakterliche
Widersprüchlichkeit, emotionale Sprunghaftigkeit
und mangelnde Impulskontrolle, die
den Borderliner ständig zwischen Zuständen
emotionaler Betäubung einerseits und Momenten
größter Aufgewühltheit andererseits pendeln
lassen.22 Demnach kann der BorderlinePatient
als der Anti-Aristoteliker unter den psychisch
Gestörten betrachtet werden: Eine ‚goldene
Mitte‘ kennt er nicht. Vielmehr liegt ein
anhaltend instabiles, inkonsistentes und durch
Abspaltung bis zur Unkenntlichkeit desintegriertes
Selbstbild vor, das so deutlich schizoide
Züge aufweist, daß es seinen Mitmenschen
nicht selten so vorkommt, als lebte der Borderliner
in mehreren Welten zugleich.
Besonders augenfällig ist seine „Als ob“-Persönlichkeit.23
Auf einen relativ integrierten Charakter
wirken Borderliner häufig ‚unwirklich‘
und ‚inauthentisch‘, so als ob sie alles, selbst
ihre Gefühle, bloß simulierten. Die BorderlinerPerson
kann den Anblick des Vollmonds bewundern,
ohne wirklich etwas dabei zu empfinden;
sie mag demonstrativ genüßlich ein exotisches
Essen verköstigen, ohne wirklich etwas zu
schmecken; sie wird den Eindruck erwecken,
den sexuellen Verkehr zu genießen, ohne wirklich
von ihm berührt zu sein. Es ist davon auszugehen,
daß Borderliner die Kunst, anderen Menschen
etwas vorzuspielen, bis zur Perfektion steigern
können. Die Tatsache, daß man geneigt sein34 Arnd Pollmann
mag, im jeweils eigenen sozialen Umfeld auf
Anhieb keine Person ausfindig zu machen, auf
die diese Beschreibung zutreffen würde, kann
auf die Tatsache zurückzuführen sein, daß der
Borderliner oftmals deshalb nicht als solcher zu
erkennen ist, weil er tendenziell ein „Totalsimulant“
ist, der im Bewußtsein der eigenen
sozialen Unverträglichkeit soziale Verträglichkeit
zu inszenieren vermag.24
Besonders gravierend wirkt sich die „Als
ob“-Persönlichkeit des Borderliners auf sein
intimes Nahfeld aus. Eine wahrhaftige Orientierung
an moralischen Gefühlen der Liebe,
Freundschaft, Gerechtigkeit oder auch Solidarität
ist beim Borderliner kaum anzutreffen. Da
er zu echten und stabilen moralischen Bindungen
gar nicht fähig ist, aber dennoch genau weiß,
was seine Mitmenschen von ihm erwarten, hat
er gelernt, sich diesen gegenüber so zu verhalten,
als ob er moralische Orientierungen vorzuweisen
hätte. In dieser Hinsicht hat der Borderliner
als Inbegriff der Scheinheiligkeit zu
gelten. Hinter jeder seiner vermeintlich moralischen
Regungen und Handlungen verbirgt sich
eine radikale Selbstbezogenheit. Er ist ein Soziopath
durch und durch.25
Darüber hinaus ist im intimen Nahfeld des
Borderliners die Beobachtung zu machen, daß
er seine Mitmenschen entweder zu idealisieren
oder aber gänzlich zu entwerten geneigt ist. Der
fundamentale Konflikt des Borderliners stellt
sich aus dessen Binnenperspektive wie folgt dar:
„Ich liebe die Abhängigkeit, aber ich hasse sie
auch.“ Entsprechend wirkt der Borderliner auf
andere Personen entweder distanzlos oder aber
abwesend. Auch hier erweist er sich als AntiAristoteliker.
Da der Borderliner eine ‚gesunde‘
Grenze zwischen dem eigenen Selbst und
dem Selbst des jeweils Anderen gar nicht auszumachen
vermag – eine Grenze, der er sich
langsam zu nähern, von der er sich dann aber
auch wieder behutsam zu entfernen vermochte
–, sieht er sich beinahe ständig gezwungen,
derartige Grenzen künstlich zu markieren, nur
um sie dann allerdings gleich wieder zu überspringen:
Entweder er zieht sich ganz in sich
zurück oder aber er verschmilzt mit der idealisierten
Imago seines Gegenübers. Entsprechend
können sich beim Borderliner größte Anhänglichkeit
und Leidenschaft fortwährend mit übermäßiger
Wut und streitsüchtigem Verhalten
abwechseln.

Im Laufe des Lebens manifestiert sich ein
überaus charakteristisches Muster von zwar
instabilen, aber äußerst intensiven bzw. extremen
Beziehungen. Einerseits kann sich beim
Borderliner das nahezu verzweifeltes Bemühen
bemerkbar machen, ein reales oder bloß imaginiertes
Verlassenwerden zu verhindern, andererseits
stößt er seine engsten Bezugspersonen
immer wieder auf verletzende Weise zurück,
sobald diese ihm ‚zu‘ nahe kommen. Die Fähigkeit
zu anhaltenden und authentischen Beziehungen
ist nicht bloß gestört, sondern schlichtweg
nicht vorhanden.26 Entsprechend lebt der
Borderliner mit seinen unmittelbaren Bezugspersonen
permanent in einer Art widerstrebenden
Fügung: Erhöht sein Gegenüber den Intimitätsdruck,
tritt der Borderliner den Rückzug
an. Zieht sich der jeweils Andere zurück, beginnt
der Borderliner zu klammern. Dieser
scheint das Wechselspiel von Zuwendung und
Abstoßung regelrecht zu brauchen, und je stärker
die Beziehung auseinandertreibt, desto inniger
seine psychophysische Verflechtung.27
Das Paradox des Borderliners lautet demnach:
Mit jedem neuen Grenzziehungsversuch
löst sich die Grenze weiter auf. Sein ständiges
Schwanken läßt jene Demarkationslinien, angesichts
deren er sich selbst als ein eigenständiges
Individuum und den Anderen als Anderen
zu erfahren vermochte, gänzlich unscharf werden.
Insofern kann das Borderline-Syndrom als
das pathologische Sinnbild des Scheiterns
wechselseitiger Anerkennungsbeziehungen gedeutet
werden, wie sie heute, im Anschluß an
Hegel, in philosophischen Theorien der Intersubjektivität
erläutert werden.28 Die sogenannte
Herr-Knecht-Dialektik, die von Hegel einst
in dessen Phänomenologie des Geistes auf so
unnachahmliche, aber auch dunkle Weise rekonstruiert
worden ist, verstetigt sich beim Borderliner
zu einem kurzschlußhaften Regreß aus
aktiver Überwältigung und passiver Unterwerfung,
durch den sein gesamtes Umfeld auf Spannung
gehalten wird, solange es nicht auf Totalabstand
geht.29
Aus anamnetisch Aus anamnetischer bzw. lebensgeschichtlicher
Perspektive muß angenommen werden,
daß der Borderliner in entscheidenden Phasen
frühester Kindheit nicht bloß mangelnde Zuwendung,
sondern zudem ein Klima subtiler
oder gar offener Aggression erfahren hat. Vermutlich
wächst der Borderliner bereits im Mut-Erhöhter Grenzverkehr 35
terleib als „Fremdkörper im Fremdkörper“ und
damit „in einer Kampfzone heran“.30 Derart frü-
he Formen der Ablehnung rücken manches bis
heute medizinisch-psychologisch ungeklärte
Phänomen in ein gänzlich neues Licht31; in jedem
Fall aber kann aus entwicklungspsychologischer
Perspektive der von Hegel konstatierte
„Kampf auf Leben und Tod“ auf seine lebensgeschichtlichen
Wurzeln zurückgeführt werden.
Spätestens mit Blick auf das nachgeburtliche
Versorgungsverhältnis von Mutter und Kind
dürfte inzwischen außer Zweifel stehen, daß
die Frage, ob der erwachsene Mensch wahrhaftige
Beziehungen der Anerkennung wird ausbilden
können, die von wechselseitiger Zuneigung
und Wertschätzung getragen sind, maß-
geblich davon abhängen wird, ob er in seiner
eigenen Kindheit entsprechende Erfahrungen
reziproker Zuwendung hat sammeln können.32
Genau dies ist bei Borderlinern nicht der Fall.
Das Selbst des Borderliners ist auf ‚halber Strekke‘
stehengeblieben: In Momenten der Ablö-
sung, in denen das Kind auf das Vertrauen seiner
Bezugspersonen angewiesen gewesen wäre,
hat es wiederholt Liebesentzug, Kälte oder gar
Aggression erfahren. Das Kind macht die radikal
widersprüchliche Erfahrung einer ‚guten‘
Mutter der Verschmelzung und einer ‚bösen‘
Mutter der Abstoßung. Es weiß nicht, ‚ob vor
oder zurück’, d.h. ob es in der Verschmelzung
verbleiben oder gänzlich in Ablösung gehen
soll, und es läuft Gefahr, genau an diesem Widerspruch
zu zerreißen.33 Als ‚Lösung‘ des
Konfliktes bietet sich dem Kind allein die Möglichkeit,
diesen äußeren Widerspruch zu verinnerlichen
und das eigene Ich in gute und böse
Anteile aufzuspalten. Fortan zwischen Sehnsüchten
der Abhängigkeit und der Unabhängigkeit
pendelnd, verbleibt, nach Art einer
Kompromißbildung, eine fundamentale ‚IchSchwäche‘,
die sowohl der Vermeidung von
Individuation als auch der Verhinderung von
Nähe dient. Von einem integrierten Selbst wird
spätestens von da an keine Rede mehr sein können.
Der Borderliner nimmt die durchlebten
Widersprüche in sich auf, um sie für den Rest
seines Lebens zu reproduzieren. Die Spaltung
der eigenen Persönlichkeit und die Unmöglichkeit
einer diesbezüglichen Versöhnung lassen
den Borderliner dauerhaft in Desintegration
verweilen. Somit muß das Borderline-Syndrom
als Reaktionsweise auf ein frühes Scheitern von Anerkennungsbeziehungen gedeutet werden, in
denen sich Identitätsgrenzen, die füreinander
durchlässig wären, nie haben ausbilden können.

borderline vs spätmoderne.