nah : 06.2016 : In den Mund gelegt  (Culture & Sociology)

Entgegen gängiger Darstellungen haben nicht alle Menschen, die lesbischen Sex haben, ständig Oralsex. Weil die Erwartung, Oralsex kundig performen zu müssen, um „eine richtige Lesbe“ zu sein, hemmt. Oder weil andere Praktiken als lustvoller empfunden werden: Denn im verzerrten Bild des harmonischen und erfüllenden lesbischen (Oral-)Sex scheint oft kein Raum zu bleiben für triebhafte und konfliktgeladene Erotik – auch wenn Macht, Unterwerfung und das Rollenspielen mit Geschlechterbildern einen zentralen Platz in der lesbischen Szene einnehmen. In der achtminütigen schonungslosen Sexszene in „Blau ist eine warme Farbe“ haben Adèle und Emma auch ziemlich viel Oralsex. Aber der wird begleitet von Ass-Play und Spanking, von Scherenposition und Fisting – und rahmt die sexuell-dringliche und schlussendlich zerstörerische Beziehung der beiden. Der Oralsex-Mythos dagegen ist auch ein Versuch, lesbische Sexualität unschädlich zu machen. Damit verweist er auf größere frauen- und lesbenfeindliche Zusammenhänge, auf Klischees von softer Weiblichkeit und handzahmer Lust.Sex ist nie nur privat, und der Oralsex-Mythos etabliert und stärkt eine bestimmte Norm, über vermeintlich private sexuelle Praktiken hinaus. In der heutigen queeren Szene übersetzt sich das in Butch-Shaming, eine Abwertung von weiblicher* Männlichkeit, die sich nicht auf ironische Schnurrbärte beschränkt. Androgynität ist in, mitsamt bestimmten (schlanken und rassifizierten) Körperbildern.

Source: In den Mund gelegt | Missy Magazine