nah : 02.2013 : Kapitalismus: Wollen sollen (Unordered)

Das Ästhetische, so hieße das, hat sich "entgrenzt" und findet sich nun überall. Ob Dosenöffner, Handy oder der Geländewagen für das stylische City-Quartier: In der Designökonomie ist eine Ware kein standardisiertes Gebrauchsgut mehr; sie ist ein kreativ erdachtes und ästhetisch avanciertes Produkt, das vom Konsumenten mit Gefühlen aufgeladen und kreativ in den eigenen Lebensstil integriert wird. Hatte die bürgerliche Kunstreligion im Werk noch eine verborgene Wahrheit enthüllen wollen, so begnügt sich die kapitalistische Kreativitätsästhetik mit sinnfreien "Affekt-Effekten"; sie erzeugt nicht Werke, sondern Ereignisse – sie macht das Attraktive attraktiver, sie produziert Reizsequenzen, Atmosphären, Intensitäten und Gefühle. Dieser Erfindungsreichtum erklärt für Reckwitz, warum der "von Natur aus" gefühlskalte Kapitalismus so viel Anziehungskraft entfaltet: Er ist keine Kommandoveranstaltung mehr, nicht mehr Max Webers Gehäuse der Hörigkeit, sondern eine sinnlich-motivierende Verheißung: Jeder darf jederzeit in die Affekt-Welten eintreten und kreativ mitspielen. "Im Meer der sich erkaltenden Systeme der Moderne ist die Kunst ein heißer Archipel."

via Kapitalismus: Wollen sollen | Kultur | ZEIT ONLINE.