nah : 03.2016 : Wie tot ist das Mixtape (Culture & Sociology, Music, Random, Thoughts)

Ich erinnere mich noch genau an mein erstes Mixtape. Meine Mutter hatte es für mich gemacht. Sie gab mir ihren Sony Walkman, den sie zum Sport machen auf dem Laufband benutzte, und eine Kassette dazu. Ich war ungefähr fünf Jahre alt und musste auf meinen ersten Solo-Trip, ein Abenteuer, das ich fast vollständig vergessen habe, weil es in diesem Alter kaum lohnt, an Erinnerungen festzuhalten. Alles, woran ich mich erinnere: ich hatte Angst, weil Mama nicht mitkommen durfte, ich wollte auch eigentlich gar nicht, und die ganze Zugfahrt zum Bauernhof, der wahrscheinlich eine halbe Stunde von meinem Heimatort entfernt war, sich aber anfühlte wie dreitausend Lichtjahre in eine andere Galaxie, hielt ich mich krampfhaft an meinem Walkman fest und spielte die Kassette immer und immer wieder ab.

Bis heute sind mir die Songs ins Gedächtnis gebrannt: Stand By Me von The Clash und San Francisco von Scott McKenzie. Ich meine, es wäre auch noch ein Michael Jackson drauf gewesen, aber das weiß ich nicht genau. Die Kassette rotierte noch einige Jahre weiter, bis sie den Geist aufgab, und sollte bis zu meinem 12. Lebensjahr das einzige Mixtape in meinem Besitz bleiben. Vermutlich hatte meine Mutter das Mixtape nicht selber aufgenommen, weil die Songs dagegen sprechen; das war eher der Geschmack meines Vaters, der noch eine ausgiebige Plattensammlung im Keller verstauben ließ. Als ich auszog, war ich noch zu jung, um ihren Wert zu verstehen. Heilige Disco-Vinyls, Schätze und Perlen des gehobenen Geschmacks: irgendwann im Sperrmüll gelandet.

Jedenfalls erinnere ich mich an mein Mixtape und an die Zugfahrt und das ganze endete damit, dass wir bei einer Abschluss-Schnitzeljagd unsere Eltern und selbstbemalte Kissen fanden (auf meinem war der junge Simba drauf, weil ich König der Löwen liebte; das Kissen besitze ich immer noch, den Bezug leider nicht mehr, akute Sabber). Wenn ich San Francisco höre, denke ich an meine Mutter.

Ich denke auch daran zurück, dass es nicht viele andere Möglichkeiten gab, jemandem eine Sammlung von Musik zuzustellen. Ein Mixtape ist nicht nur eine Kollektion von Lieblingsmusik: sie ist eine Komposition von Dingen, die gesagt werden müssen. Es ist das einzige Mittel, das einem bleibt, um sich auszudrücken, wenn man sonst kein Talent hat. Im Grunde waren Mixtapes in den frühren 90ern bis 2000ern in ihrer ganzen Form das, was Moodboards im Netz später sein sollten: kuratierte Ausdrucksweisen des Selbst. Mit dem Unterschied, dass sie nicht an ein anonymes Netzwerk gerichtet waren, so wie es ein Tumblr meistens ist, sondern an eine ganz gezielte, bestimmte Person. Die Herausforderung war es, dem Anlass und dem Geschmack gerecht die besten Songs herauszusuchen und in eine Reihenfolge zu bringen, die zu sagen vermochte: in diesem linearen Ablauf von Musikstücken empfinde ich unsere Beziehung (egal, welcher Natur diese sein sollte).

Nun könnte man ja leicht behaupten, “The Medium is The Message”: nur das, was der Medientechnik entsprechend möglich war, konnte auch nachher auf Kassette gebannt werden. Dazu war es üblich, tagelang vor dem Radio auszuharren oder auf andere Art und Weise an die Musikstücke zu kommen, die man schließlich benutzte. Später wurde das durch die CD minimal einfacher, vor allem dann, als man zusätzlich den musikalischen Horizont dank Raubkopien und P2P-Netzwerken, sprich: Internet, erweitern konnte. Weil jeder sich auch auf die Ablösung von Walkmans in Richtung Portable CD-Players geeinigt hatte, gab es auch keine Widerstände beim Hören. Und das war ja auch Teil der Abmachung: du musst das Mixtape in dieser Reihenfolge hören. Daran führte kein Weg vorbei. Du kannst es in der U-Bahn hören oder im Auto, aber du musst es so hören. Ich persönlich habe von Anfang an nicht daran geglaubt, dass sich irgendjemand in der 8. Klasse mit einem Gläschen Wein in sein Jugendzimmer setzt, und meine Songauswahl didaktisch analysiert, aber es gab durchaus “Listening Practices”, auf die man sich verlassen konnte.

Das war alles eine Zeit lang möglich und auch sehr komfortabel. Heute sieht das ganz anders aus. Jedesmal, wenn mich jemand fragt, ob ich ein Mixtape bitte machen könnte (als notorischer Musiksammler ist das nicht unbedingt weit hergeholt, auch wenn ich die Person gut kennen und vielleicht sogar lieben muss, um die Aufgabe gut zu erledigen), stehe ich vor einem Berg technischer und medialer Herausforderungen, die eng im Zusammenhang mit der sogenannten Filterbubble stehen. Ich fühle mich in meiner künstlerischen Freiheit nicht nur eingeschränkt, sondern verstümmelt, und es bringt mich zum verzweifeln.

Folgende Probleme begegnen mir bei der Erstellung eines Mixtapes im Jahre 2016:

– Welche Musik kommt auf das Mixtape? Reden wir nicht von Geschmäckern, die ja bekanntlich unterschiedlich sind. Reden wir davon, dass zu viel Musik verfügbar ist, als dass eine wirklich durchdachte Entscheidung treffbar wäre. Gut, das Problem gab es früher schon. Ich möchte aber den fast ungehinderten Zugang durch das Internet betonen. Einen Song auszuwählen, bedeutet, einen anderen Song nicht auswählen zu können. Halt: das war FRÜHER eine Tatsache. Heute kann man unendlich viele Songs zu einem Mixtape zusammenführen, das war einfach technisch bedingt. Wie viele hätten auf eine CD gepasst? Sagen wir: 22. Vielleicht 12 auf einer Kassette. Ich erinnere mich nicht so genau. Und heute? Ein USB-Stick mit 4 Gigabyte könnte 511 MP3s mit einer Bitrate von 360 kbps beherbergen, wenn man mit einer durchschnittlichen Songdauer von ca. 3:30 Minuten rechnet. Scheiss drauf: ein MP3-Player mit 512 MB, den man wahrscheinlich nur noch in Ost-Timor so kaufen kann, hat immer noch 60 MP3s auf Lager. Und dann wären wir auch schon bei der nächsten Misere. Selbst, wenn man sich für den Oldschool-Weg entscheidet, eine Kassette zu bespielen oder eine CD zu brennen: viele Leute haben keine Stereoanlage mehr, die das bedienen würde. Ganz zu schweigen von portablen Geräten wie einem Walkman oder, hah, LACH, einem Discman. Und auch heute glaube ich nicht daran, dass sich jemand zu Hause mit mir hinsetzt und sich einzeln die Songs vorspielen lässt. Das Hören eines Mixtapes hat eine ganz andere Intimität verdient, die keine Zuschauer zulässt (jüngere Menschen kennen das sicher von YouTube-Sessions und Lachanfällen, die leider bei den Freunden ausbleiben; schaut’s euch lieber alleine an). Gut, selbst dann, wenn man sich für den komfortablen Weg der MP3 entscheidet, nachdem man festgestellt hat, dass der eigene Mac überhaupt kein Laufwerk zum Brennen hat und zudem auch überhaupt keine Möglichkeit besteht, MP3s auf Kassetten zu übertragen, ohne direkt ein riesiges Fass aufzumachen, bleibt das Problem, dass man dem Endverbraucher MP3s heutzutage überhaupt nicht wirklich zumuten kann und dieses Mittel auch wirklich nicht geeignet ist, um ein Mixtape zu übertragen.

– Denn MP3s sind nicht fest anzuordnen. Der Empfänger des Mixtapes kann alles mögliche damit machen, und wer schon mal über iTunes eine Playlist importieren wollte, der weiß, dass Zuverlässigkeit nicht Priorität dieser Software ist. Die Auswahl wird nicht nur dadurch beschädigt, nein, ihr kompletter Inhalt zersetzt sich, löst sich in Luft auf. Und welch eine Romantik, zum USB-Stick noch einen Zettel hinzuzufügen, auf dem die Tracks in Reihenfolge aufgelistet sind? NEIN! Ich weigere mich. Denn auch hier war eine Stärke des tangiblen Datenträgers, dass er nicht verraten musste, was der Künstler ausgewählt hat. Track für Track konnte der Zuhörer mit Spannung lauschen, was als nächstes kommt. Mal Überraschung über einen unbekannten Song, mal Freude über einen Favoriten, den man für geheim gehalten hatte. Mannigfaltige Emotionen kommen da ins Spiel. So oder so: die Reihenfolge ist Dreh- und Angelpunkt.

– Eigentlich müsste man an dieser Stelle einen allgemeinen Rückschritt einschieben und sich noch einem weiteren Dilemma stellen: nicht jeder hört MP3s. Viele Leute streamen mittlerweile. Sie haben ihre musikalischen Präferenzen ausgelagert. Sie legen sich über Spotify und YouTube und Soundcloud diverse Playlisten an, die sie dann über ihre Smartphones hören können. Oder sie verzichten ganz auf die Playlist-Praxis. Aber hier bestimmt die Verfügbarkeit das Machbare, und das bricht mir das Herz: selbst, wenn ich mich dafür entscheiden sollte, meinen Empfänger zu fragen, was er denn bevorzugte (was natürlich den ganzen Überraschungs-Effekt eines spontanen Mixtapes ruiniert, aber ein kleiner Preis im Zuge der angeführten Herausforderungen wäre), so wäre ich ganz schnell an die Grenzen der Streaming-Kultur gestoßen. GEMA-Sperren in Deutschland sind eine Sache, aber dann gibt es etwa auf Spotify nicht die Indie-Tracks, die ich für den Schlüssel eines guten Tapes halte, noch gibt es auf Soundcloud große Label-Künstler, für die man ordentlich in die Tasche greifen müsste. Auch wieder angeführt sei hier die in Luft aufgelöste Transparenz, denn der User sieht natürlich, welche Songs in der Playlist angelegt sind. Und was überhaupt, wenn der Empfänger kein Smartphone besitzt? Ich kenne solche Menschen. Die hören auch gerne Musik, manchmal auch beim Kochen, was ja praktisch wäre, weil man dabei durchaus einem Mixtape horchen kann. Nichtsdestotrotz ist auch hier Disziplin verlangt: geht man den Kompromiss ein, ihnen ein Mixtape zu schenken, dass aus MP3s besteht, dann geht man immer noch das Risiko ein, dass die Anlage wahrscheinlich lediglich die schnodderigen Macbook-Boxen sind. Da eignen sich Kopfhörer auf jeden Fall besser.

So wie früher, mit dem Walkman.

Und Gott bewahre jemand benutzt die Shuffle-Funktion.

Ich behaupte an dieser Stelle nicht, dass Mixtape sei endgültig gestorben. Ich sage nur: mit diesen Voraussetzungen wird ihm langsam ein Grab geschaufelt. Gut, sicher, vielleicht entstehen neue Dinge. Aber die Praxis der Selbstexpression in direkter Linie durch Musik an andere, da muss man sich einfach der Wahrheit stellen: die Generationen nach uns werden nicht mehr wissen, was es bedeutet (man kann natürlich behaupten, Bedroom-DJ-Pseudoproducing und Mixing ist das neue Mixtaping, weil man da ja wirklich eigenständig kontrollieren kann, in welcher Form gehört wird, aber auch das würde ja wieder die einzelnen Songs zu sehr einschränken. Nicht alles kann gemixxt werden in der Reihenfolge, in der man es gerne hätte, ich spreche da aus Erfahrung, und nicht immer passen Genres so zusammen, dass das auch stringent gut klingt).