nah : 06.2014 : Wir ist ein anderer (Berlin, Culture & Sociology, News)

Warum ich das erzähle: es gibt alle zwei Jahre eine Zeit, in der sich das ändert, in der man Farbe bekennen soll. Bist Du für Deutschland oder für Frankreich, das ist eine Frage, die mir bei großen Turnieren häufig begegnet. Und alle schauen immer ganz irritiert wenn ich sage: In Deutschland für Frankreich, in Frankreich für Deutschland.

(Dabei ist das schon eine Konzessionsantwort, tatsächlich weiß ich vorher meist gar nicht, für wen ich bin, das kristallisiert sich im Laufe der Zeit erst heraus; recht oft mag ich Holland, manchmal auch Italien, ausgerechnet die beiden fußballerischen Erzfeinde der Deutschen und Franzosen. Aber das jemandem erklären, der sich gerade wie im Wahn auf seine Nationalität stürzt, hat wenig Zweck.)

Es ist so, dass ich diesen Nationenwahn nicht verstehe, nicht verstehen will und wahrscheinlich auch gar nicht verstehen kann. Ich beobachte das mit Argwohn. Ich fühle mich nicht ausgeschlossen, wenn meine Nachbarn eine von Bitburger gesponsorte Deutschlandfahne anbringen; sie tun mir nur ein bisschen leid. Ich fühle mich auch nicht bedroht von den ganzen Nasen, die seit 2006 fortwährend nach einem entspannten Patriotismus schreien – albern finde ich sie, wie man Leute albern findet, die jetzt auchmal „einen kiffen“ wollen und dann danach fünf Stunden am Stück erzählen, wie geil bekifft sie jetzt sind. Selbst wenn man ihnen Basilikum gegeben hat; vor allem, wenn man ihnen Basilikum gegeben hat.

via Zum Blonden Engel

Ich erinnere mich an die WM 2006, als ich mit meinem neu erstandenen Thomas Müller Trikot den Clubstrich an der Revalerstraße entlang lief und von einem (wahrscheinlich türkischstämmigen) Typen darauf angesprochen wurde, wieso ich nicht “als Ausländerin ein Trikot von Özil” trage; man müsse ja “seine Ausländerschaft” verteidigen. Ich kann nicht behaupten, einer aggressiven Provokation ausgesetzt gewesen zu sein, er hat relativ unschuldig gefragt, so als wäre er von einer absoluten Selbstverständlichkeit ausgegangen: ich, als vermeintliche Türkin, genauso in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert wie der Typ wahrscheinlich auch, müsse ja zu meinen genauso vermeintlichen Wurzeln stehen. Da gehört ein Thomas Müller, der damals wie auch heute zu den Spitzen des Kaders steht, natürlich nicht auf den Rücken. Khedira, Özil, wahrscheinlich sogar Podolski – alles noch akzeptabel, wobei ich bei Podolski noch nicht mal ordentlich dran glaube; so oder so war das absolutes Fehlverhalten von mir, für das ich mich nicht mal vor einem “ganzen” Deutschen rechtfertigen musste, sondern vor einem, der sich in seiner Außenseiterschaft betrogen fühlte. Naja.

Meine Rechtfertigung stammelte ich benommen vor mich hin. Euphorie hat zur WM 2014 nicht eingesetzt, eher ein kritisches Betrachten des kulturellen Komplex “Fußball”, ohne dass es mir den Spaß am Spiel nehmen würde. Auf die Beteiligung an all den Eventbesäufnissen, die drumherum statt finden, kann ich getrost verzichten und selbst die Deutschlandspiele tangieren mich nur periphär, auch wenn mir immer mal wieder das Herz in den Rachen schießt, wenn ich mir dann doch mal den Fußball näher angucke (und um ehrlich zu sein: egal welches Spiel, wobei natürlich die ein oder anderen interessanter sind und ich zugegebenermaßen froh bin, dass Spanien raus ist, noch einen Sieg hätte ich nicht ertragen).